Ein alter Hut

Die Experimentierfreude unserer Abteilung und insbesondere unseres Ausbildungsleiters hat uns schon so manchen spannenden und für Sporttaucher vielleicht auch ungewöhnlichen Ausflug beschert. Dabei gehört das herumkriechen in Wracks und Höhlen und das Tauchen mit NITROX ja heute schon fast zum sporttaucherischen Standardprogramm. Über unsere Fahrten nach Österreich wird ja auch an dieser Stelle auch berichtet. Auf der Suche nach neuen Blicken über den Tellerrand des Sporttauchens starteten wir jüngst ein neues Experiment: Helmtauchen. Mit einem richtigen alten nostalgischen Kupferhelm mit Schlauch- und Kabelverbindung zur Oberfläche, fest geschraubt auf einem Trockentauchanzug aus dickem, gummierten Leinengewebe.

Die Idee, geboren als Hirngespinst am Rande eines NITROX-Kurses, harrte geraume Zeit ihrer Verwirklichung. Es bestanden die üblichen Terminschwierigkeiten, die schlußendlich auch dazu führten, daß wieder der berühmte harte Kern bei dieser Veranstaltung unter sich war. Der scheute sich dann auch nicht morgens um sechs Uhr in Berlin aufzubrechen und gegen neun den Dänholm, die kleine Halbinsel bei Stralsund zwischen Rügen und dem Festland, zu erreichen. An dieser Stelle sei eventuellen Nachahmern gleich die Route über die Autobahn Rostock als die zwar gegenüber der B 96 nicht kürzere, aber schnellere empfohlen. Wir waren mit allen nötigen Utensilien ausgerüstet, denn angesagt war der Aufenthalt in einer ehemaligen Kaserne der NVA, die uns für diese Nacht beherbergen sollte. Die Halbinsel Dänholm war bereits vor dem Zweiten Weltkrieg komplett in militärischer Hand und diente schon immer den Marinen der jeweils herrschenden Mächte. Nach der Wehrmacht zog hier die NVA ein und bildete unter anderem ihre Taucher aus. Zu diesem Zwecke wurden neben den hübschen roten Backsteingebäuden ein paar der üblichen quadratisch, praktisch, guten Plattenbauwerke errichtet. Einer dieser häßlichen, zum Glück nur eingeschossigen Klötze von maroder Bausubstanz, sollte uns nun für die nächste Nacht beherbergen. Als erfahrene Helenesee-Reisende vermochte uns das äußere Erscheinungsbild und die Erwartung des üblichen Linoleum-Innenlebens in keiner Weise zu erschrecken. Um so erstaunter waren wir, als wir das erste Geschoß des Hauses in einer Weise komplett renoviert vorfanden, die einer gewöhnlichen kleinen deutschen Pension durchaus würdig ist. Die Zimmer waren einfach und sauber und mit Fernseher, Telefon teilweise auch mit Bad und Dusche ausgestattet. Auch die Betten hatten nichts mehr von der Vergangenheit des Dänholm zu berichten. Der zweite entscheidende Vorteil dieser Anlage lag darin, daß sich der Ort, an dem wir den Tag helmtauchenderweise verleben wollten, nur 50 Meter am Ende des Flures und damit innerhalb des Gebäudes befand. Den Vormittag verbrachten wir aber zunächst an der frischen Luft und erkundeten in die Halbinsel auf der -wie könnte es auch anders sein- ein kleines Marinemuseum untergebracht ist. Mittagessen gab es dann auf Rügen, selbstverständlich in einem Fischrestaurant.

Nach einer kleinen Siesta fanden wir uns alle in dem großen Raum am Ende des Flures ein, der im wesentlichen ein wassergefülltes Loch von fünf Metern Durchmesser beherbergte. Der sogenannte Kessel ist fünf Meter tief und von innen komplett mit Fliesen ausgekleidet. Neben dem Loch an der Wand sind die für die Luftversorgung und Kommunikation mit dem Helmtaucher erforderlichen Apparaturen angebracht. Die Luftversorgung erfolgt aus mehreren tausend Liter großen Mutterflaschen, die bei Bedarf über zwei riesige russische Kompressoren aufgefüllt werden. Wie uns glaubhaft versichert wurde, könnte dieser Bedarfsfall jedoch frühestens nach einigen Wochen ununterbrochenen Helmtauchens eintreten. Derjenige der uns das erklärte war ebenfalls aus Berlin angereist, heißt Matthias und hat in früheren Zeiten, als die Anlage noch von der NVA betrieben wurde, hier seinen Dienst als Taucher versehen. Inzwischen ist der Berufstaucher beim Wasser- und Schiffahrtsamt mit Sitz in Berlin. Auch dabei, so berichtete er, komme gelegentlich der von ihm vorgestellte Kupferhelm noch zum Einsatz. Nach einer ausgesprochen kurzen Einführung waren wir selbst an der Reihe.

Vier Mann sind nötig, um den Taucher durch die ausgesprochen enge Gummi-Halsmanschette in den sonst vollkommen geschlossenen Anzug zu zwängen. Wer das Format der meisten männlichen Taucher unseres Vereins kennt weis, daß das bei uns eine echte Aufgabe war. Wenn dieses Problem für die anderen Gruppenmitglieder gelöst ist, beginnen die Probleme für den Taucher selbst. Als erstes wird ihm ein Metalring am Hals aufgesetzt, auf den dann der eigentliche Helm mit drei großen Muttern geschraubt wird. Die Füße stecken in jeweils zwölf Kilo schweren Bleischuhen und vorne und hinten werden an den Metalkragen Gewichte angehangen. Die gesamte Ausrüstung wiegt dann etwa 90 Kilo.
Spätestens an dieser Stelle waren alle Mitgereisten froh, daß das Experiment eben nicht im Freiwasser, sondern in einem Becken stattfand und sie nun also nicht zum See laufen mußten, sondern lediglich drei Stufen hinunter zu steigen hatten, um im Wasser des gesamte Gewicht zu verlieren. Über den Helm strömt während des Tauchgangs kontinuierlich Luft von oben herein, die zum einen zum atmen dient und zum anderen den Anzug ständig befüllt. Man muß also in regelmäßigen Abständen durch eine etwas affig anmutende Kopfbewegung Luft aus dem Anzug herauslassen, sonst wird man unweigerlich über kurz oder lang etwas hilflos Oberfläche treiben. Das Tauchen mit dem alten Hut erwies sich als ausgesprochen spaßig, was wohl in erster Linie darauf zurückzuführen war, daß Matthias sich mit jeder Art von Anweisungen und Reglementierungen soweit es irgendwie ging zurückhielt. Jeder konnte also mit der Ausrüstung alle die Experimente machen, die er schon immer mal mit einem Kupferhelm machen wollte und das auch so lange wie er wollte.
Eine spaßige Übung ist dabei zum Beispiel das kontrollierte hochschießen. Dabei wird die einströmenden Luft in den Anzug auf Maximum gedreht und der Taucher läßt keine Luft mehr aus dem Anzug ab. Unweigerlich beginnt er irgendwann zu schweben und kommt nach kurzer Zeit aus der Oberfläche herausgeschossen. Bei diesem für den Taucher nicht ganz ungefährlichen Unterfangen kommt es extrem auf dem Signalmann an der Leine an, der den Taucher dabei zu sich heranziehen muß, damit dieser nicht verletzt wird. Aber Spaß macht es!
Auch die anderen Gruppenmitglieder die gerade nicht Tauchen haben zahlreiche Möglichkeiten sich zu betätigen. Im Laufe des nachmittags zog sich Matthias immer mehr auf die Rolle eines stillen Beobachters zurück und überließ den anderen Gruppenmitgliedern immer mehr Aufgaben. So war es dann an uns die Leine zu halten, die Sprechanlage selbst zu bedienen und dem Taucher die Luftmenge nach seinen Wünschen einzustellen. Die Sprechanlage spricht übrigens für ein russisches Fabrikat ausgesprochen gut deutsch. Wer nach dem Helmtauchgang die Nase noch nicht voll hatte oder sich berufen fühlte Fotos von dem Helmtaucher zu machen, hatte selbstverständlich auch die Möglichkeit mit „normaler“ Ausrüstung in dem Becken zu tauchen. Ein warmer Anzug sei ein dieser Stelle empfohlen, denn das Wasser war zu der Zeit als wir da waren ausgesprochen kalt. Wer es vorzog die Experimente des jeweiligen Tauchers mit trockener Nase zu verfolgen konnte auch an dem Kessel eine Treppe hinuntersteigen und den Kameraden durch die beiden großen Fenster beobachten. So verging der Tag wie im Fluge und ehe wir jeder mit dem Helm getaucht waren, war es bereits 21 Uhr. Auch die beiden mitgereisten Frauen, die jede selbst nur gut die Hälfte des Gewichts der Helmtauchausrüstung auf die Waage bringen, haben diese Art der Taucherei ausprobiert und für gut befunden. Wie mir aus gut unterrichteten Kreisen berichtet wurde sollen sie doch neben Fotos und Erinnerungen auch einige blaue Flecken von den Wochenende mitgenommen haben.

Für den Abend stand uns dann ein mit allen erforderlichen Möbelstücken ausgestatteter Aufenthaltsraum zur Verfügung, in dem wir eine oder mehrere vom nahegelegenen Italiener geholte Pizzen verspeisten und bald darauf erschöpft ins Bett sanken. Am Sonntag stand dann morgens nach einem reichhaltigen Frühstücksbuf-fet eigentlich eine Druckkammerfahrt - ebenfalls im Hause - auf dem Programm, die bei uns aber aus organisatorischen Gründen leider ausfallen mußte. Wir haben stattdessen die Gelegenheit genutzt, uns von dem extra erschienenen langjährigen Techniker der Anlage und früherem Ausbilder bei der NVA alle möglichen technischen Details der Druckkammer, der Füllanlage, der Mutterflaschenkaskaden, der Kompressoren und der Helmtauchanlage erklären zu lassen. Ein durch Regen etwas verkürzter Spaziergang am Strand der Insel Rügen und ein weiteres Fischessen bildeten den Abschluß dieses ereignisreichen Wochenendes.

Fazit: viel Spaß für wenig Geld, wir haben bei der Gruppenbuchung 180,- DM pro Person bezahlt inklusive Unterkunft, Frühstück, Helmtauchen und Druckkammerfahrt am Sonntag. Ein Erlebnis nicht nur für Leute die einen Nostalgiefimmel haben, sondern für alle die mal etwas anderes sehen wollen. Die große Stärke des Wochenendes liegt zum einen in seiner familiären Atmosphäre (wir hatten mit fünf Tauchern die Anlage für uns allein) und zum andern in der absoluten Freiheit und Individualität. So war unsere Gruppe vor Ort mit zwei Kleinkindern angereist und es gab überhaupt keine Probleme das Programm am Wochenende exakt nach unseren Vorstellungen zu absolvieren, so daß wir eigentlich alle voll auf unsere Kosten gekommen sind.

jek